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Entwicklungsbedingungen für eine Glücksspielsucht

Die Glücksspielsucht ist eine mehrdimensionale Krankheit, zu deren Entstehung glücksspielbezogene Merkmale, Einflüsse des sozialen Umfeldes und individuumsspezifische Faktoren beitragen.

Umfeld – Glücksspiel – Person Soziales Umfeld Das Glücksspiel Die Person

1. GLÜCKSSPIEL

Spezifische Eigenschaften des Glücksspiels, die den Spielablauf und emotionale Erfahrungen des Spielers während eines Spiels beeinflussen, lassen sich als bedeutende Faktoren für die Suchtentwicklung bestimmen.

Psychotrope Wirkungen

— Action gambling: Stimulierende, euphorisierende Wirkung
Das Glücksspiel erhält durch den Einsatz von Geld und der Unsicherheit des Spielausgangs eine starke emotionale Komponente durch den Aufbau von Stimulation und Erregung.
Darüber hinaus entwickelt sich ein Anspannungs- Entspannungszyklus, der sich rasch vollzieht und daher als lustvoll und angenehm erlebt wird.
Ein Gewinn kann Wohlbefinden, Euphorie sowie Gefühle von Macht und Ansehen erwecken. Bereits die gedankliche Beschäftigung mit vergangenen bzw. zukünftigen Gewinnen führt dazu, dass Spieler diesen angenehmen Erlebniszustand erreichen.

— escape gambling: Beruhigende, entspannende Wirkung
Die Auseinandersetzung mit dem Glücksspiel, durch die Inanspruchnahme vieler Sinnesmodalitäten, erleichtert Alltagssorgen zu vergessen, sich in eine Fantasiewelt zu begeben, Unlustgefühle bzw. Langeweile zu verringern und vorangegangene Verluste zu verdrängen. Das Glücksspiel vermittelt damit auch eine starke entspannende Wirkung und schafft einen Ausgleich zur häufig als angespannt erlebten Lebenswirklichkeit.

Merkmale

Bestimmte Eigenheiten bzw. technische Maßnahmen von Spielformen erzeugen einen höheren Anreiz das Spiel fortzusetzen.

— Kurzes Auszahlungsintervall / hohe Ereignisfrequenz:
Durch die schnelle Spielabfolge erhält der Spieler eine unmittelbare Rückmeldung. Der Belohnungseffekt fällt damit stärker aus und das gewonnene Geld kann schnell wieder eingesetzt werden. Zudem fördert die kurze Zeitspanne zwischen Geldeinsatz und Spielergebnis, dass Verlusterlebnisse weniger stark präsent bleiben.

— Verstärkung:
Gelegentliche Gewinne (variable und intermittierende Verstärkungsmuster) führen zu einer schnellen Verfestigung des Verhaltensmusters und zu einer Resistenz gegenüber Verlernprozessen.

— Art des Einsatzes:
Das Wechseln von realem Geld in Jetons oder virtuelle Einsätze (Online-Glücksspiele) bewirken die fehlerhafte Einschätzung realer Verluste und senken die Hemmschwelle Geld einzusetzen, wodurch risikoreicher gespielt wird.

— Ton-, Licht-, Farbeffekte, Atmosphäre:
Spezielle Effekte dienen der Ablenkung von Umgebungsreizen und ermöglichen eine totale Fokussierung auf das Spiel.

— Suggestion der persönlichen Kompetenz:
Durch Werbung und eine aktive Einbeziehung des Spielers (zB Betätigung der Risikotaste beim Automatenspiel) sowie durch die Vermittlung vermeintlich sicherer Gewinnstrategien wird das Gefühl erzeugt auf das Spielergebnis Einfluss zu haben.

— Assoziation mit anderen Interessen
Eine Verknüpfung des Glücksspiels mit sonstigen Interessen des Spielers erhöht den Reiz des Spiels (z.B.: Fußballfan und Sportwetten).

Diese Merkmale erklären, warum Spielautomaten das höchste Suchtpotential aufweisen und Lotto trotz der hohen Verbreitung ein geringeres Suchtpotential hat.

 

2. SOZIALES UMFELD

— Verfügbarkeit / Griffnähe:
Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der leichten Verfügbarkeit und Griffnähe eines Spielangebotes und einem verstärkten Nutzungsverhalten. Ein flächendeckendes Angebot von Glücksspielen sowie eine extensive Vermarktung senken Hemmschwellen und fördern die gesellschaftliche Akzeptanz von Glücksspielen, sodass letztlich auch das Auftreten problematischen Spielverhaltens steigt.

— Materielle Wertorientierung
In unserer Gesellschaft haben Geld, Reichtum und Macht einen hohen Stellenwert. Das Glücksspiel weckt die Illusion vom schnellen Geld, vom schnell erreichbaren Status und fördert den Traum, dass durch einen entsprechenden Geldgewinn alle Sorgen umgehend der Vergangenheit angehören.

 

3. PERSON

Im Hinblick auf individuelle Persönlichkeitsmerkmale, die eine Glücksspielsucht prädisponieren, zeigen psychologische Untersuchungen, vergleichbar zu anderen Suchtmittelabhängigkeiten, dass es keine typische Glücksspielpersönlichkeit gibt.

Es lassen sich jedoch personspezifische Faktoren bestimmen, die einerseits ursächlich eine Glücksspielsucht begünstigen, andererseits führen Veränderungen durch exzessives Spielen zu einer Verfestigung des pathologischen Verhaltens.

— personenbezogene Risikofaktoren
Es lässt sich eine erhöhte glücksspielspezifische Vulnerabilität belegen, die sich mit den Merkmalen der erhöhten Impulsivität, des negativen Selbstwertgefühls, der defizitären Konfliktbewältigungsstrategien, der Gefühlsdysregulation, der Beziehungsstörung, der erhöhten Depressivität und bestimmter Persönlichkeitszüge (narzisstisch) zusammenfassen lassen.

— Neurobiologische Faktoren
Gewohnheitsmäßiges Spiel führt durch Überstimulation zu Veränderungen in verschiedenen neurobiologischen Systemen (dopaminerges Belohnungszentrum, serotonerges System, noradrenerges System).

— Kognitive Faktoren
Ein spezifisches Charakteristikum der Spielsucht stellen glücksspielbezogene Informationsverzerrungen (magisches Denken) dar, die sich mit der Spielerfahrung einstellen:

Illusionäre Kontrollüberzeugungen:

Das Zufallskonzept wird missverständlich verstanden, sodass die Illusion entsteht, das Spielergebnis persönlich beeinflussen bzw. vorhersagen zu können. Spieler verfolgen „sichere” Gewinnstrategien, da sie der Annahme sind, den Spielverlauf kontrollieren zu können. Ausdauer, das Abwarten einer weiteren Glückssträhne, Wissen und Geschicklichkeit werden letztendlich zum Erfolg führen.

Bedingungen, wie aktive Einbeziehung in das Spielgeschehen, Auswahlmöglichkeiten (z.B. bei Losen), Vertrautheit mit dem Spiel erhöhen das Ausmaß der Kontrollillusion.

Unrealistische Gewinnerwartungen

Der Trugschluss, dass die Wahrscheinlichkeit eines Gewinnes nach einer Reihe von Verlusten steigt, ist ein relevantes Verzerrungsmuster bei Glücksspielern. Es besteht die irrtümliche Annahme, dass Abweichungen vom Zufall (Werte aus der Vergangenheit) sich in der Zukunft selbst korrigieren.

Diese Fehlinterpretation wird auch als „Monte-Carlo-Irrtum” bezeichnet, zurückzuführen darauf, dass es Roulettespielern unwahrscheinlicher erscheint, dass die Roulettekugel beispielsweise 20-mal hintereinander auf eine schwarze Zahl fällt.

Selbstwertdienliche Attributionsprozesse

Gewinne werden den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben, unterliegen somit einer Überbewertung und dienen damit der Stabilisierung des Selbstwertes. Verluste werden hingegen bagatellisiert und auf äußere Faktoren wie unglückliche Umstände oder den Zufall zurückgeführt. Durch diese wechselnde Zuweisung der Verantwortung erhält sich für Spieler die Überzeugung, Zufallsereignisse vorhersagen zu können.

Beinahe – Gewinne

Beinahe-Gewinne werden im Gehirn ähnlich verarbeitet wie tatsächliche Gewinne, sodass dadurch Glücksgefühle während einer Spielepisode häufiger erlebt werden.

Festhalten an einmal gewählter Strategie

Ein weiteres irrationales Denkmuster bezieht sich auf die Funktion der Rechtfertigung des bisherigen Engagements, das eine einmal getroffene Handlungsstrategie trotz negativer Erfahrungen beibehalten wird. Verluste, die durch das Spielen entstanden sind, können nur durch Weiterspielen ausgeglichen werden. Die dauerhafte Beschäftigung mit dem Glücksspiel, risikoreicheres Spielen führen zur Belohnung.

Selektives Gedächtnis

Gewinne werden besser kognitiv gespeichert als Verluste, eine weitere Erklärung dafür, warum trotz Verluste weiter gespielt wird.

 

Diese „magischen” kognitiven Prozesse treten während des Spielens auf und verstärken das irrationale Weiterspielen. In Untersuchungen zeigt sich hingegen, dass Spieler in der Beurteilung von Zufallsereignissen grundsätzlich nicht weniger rational sind im Vergleich zu Nicht-Spielern.